Zum Hauptinhalt springen

Ratgeber-Blog

Neues, Tipps und Testberichte aus der innovativen Pflege

Empfohlen

Lauftendenzen bei Demenz – mehr Sicherheit durch Ortungssysteme

Ortungssysteme für mehr Sicherheit bei Demenz

Wenn Menschen mit Demenz weglaufen und dabei die Orientierung verlieren, kann das für Angehörige, Pflegepersonen und sie selbst gleichermaßen belastend sein. Moderne Ortungssysteme bieten heute vielfältige Möglichkeiten, um mehr Sicherheit im Alltag zu schaffen – von GPS-Trackern über Smartwatches bis hin zu speziellen Notruflösungen. Hier bekommen Sie einen Überblick über die verfügbaren Technologien zur Ortung und worauf bei der Auswahl und Nutzung geachtet werden sollte.

Warum Ortungssysteme bei Demenz?

Mit Fortschreiten der Demenz fällt es den Betroffenen zunehmend schwerer sich zeitlich oder örtlich zu orientieren. Selbst Umgebungen, die ein Leben lang bekannt waren, können plötzlich fremd wirken. Hinzu kommt häufig ein gesteigerter Bewegungsdrang. Lauftendenzen, auch Hin- oder Weglauftendenzen genannt, sind ein typisches Symptom von Demenz. Das Problem: Die Betroffenen verlassen ihre Wohnung oder die Pflegeeinrichtung, finden dann aber den Weg zurück nicht mehr.

Das bedeutet Stress für die Person selbst – aber auch für die Pflegenden, die nach ihr suchen müssen. Gegebenenfalls ist für die Suche sogar der Einsatz der Polizei nötig. Denn im Straßenverkehr könnte eine Person mit Demenz sich selbst oder auch andere gefährden. Zudem besteht ein Risiko durch Dehydrierung oder Kälte. Durch die Demenz kann die eigene Wahrnehmung beeinträchtigt sein, sodass Erschöpfung oder Unterkühlung von den Personen selbst nicht entsprechend empfunden werden.

Umso wichtiger ist es, verirrte Personen mit Demenz möglichst schnell wiederzufinden. Ein hilfreiches Mittel dafür können Ortungssysteme sein. 

Mithilfe von Ortungssystemen können Menschen mit Demenz schneller wiedergefunden werden.

Wie kann Technik unterstützen?

Mithilfe von Ortungssystemen lässt sich der genaue Standort einer Person ermitteln, z.B. über GPS. Trägt ein Mensch mit Demenz einen solchen Sender bei sich, können Angehörige oder Pflegepersonen über eine Anwendung am PC oder auf dem Smartphone nachvollziehen, wo er sich gerade befindet. Verirrt sich der Pflegebedürftige, kann er auf diese Weise leicht wiedergefunden und sicher zurück in sein Wohnumfeld begleitet werden.

Systeme zur Ortung entlasten die Pflegenden, da sie nicht rund um die Uhr aufpassen müssen und aufwendige Suchaktionen vermieden werden können. Gleichzeitig geben sie den Pflegebedürftigen die Möglichkeit, sich weiterhin frei zu bewegen. Statt die Betroffenen vom Laufen abzuhalten, kann durch die Technik ein sicherer Rahmen geschaffen werden, in welchem sie ihrem Bedürfnis nach Bewegung nachgehen können. 

Sicherheit durch Ortung – ist das erlaubt?

Auch wenn ein Ortungssystem der Sicherheit für Menschen mit Demenz dienen soll, ist die Überwachung des Standorts ein Eingriff in dessen Persönlichkeitsrecht. Deshalb ist der Einsatz solcher Technologien nur mit Zustimmung der betroffenen Person erlaubt.

Ist die Demenz bereits so weit fortgeschritten, dass die Person nicht mehr in der Lage ist, selbst zu entscheiden, muss das Einverständnis von einer bevollmächtigten Person, z.B. Angehörigen, gegeben werden.

Deshalb ist es wichtig, möglichst frühzeitig über die Wünsche der an Demenz erkrankten Person zu sprechen und diese im Rahmen einer Betreuungsverfügung oder Vorsorgevollmacht festzuhalten. 

Welche Arten von Technik gibt es?

Systeme zur Ortung

Die Ortung funktioniert meist mit GPS (Global Positioning System). Dabei wird der Standort über ein Satellitensignal bestimmt. Aber auch über das Mobilfunknetz oder WiFi lässt sich der Aufenthaltsort ermitteln. Die Positionsbestimmung über LBS (Local Base Station) oder GSM (Globales System für mobile Kommunikation) ist zwar weniger genau, im Gegensatz zu GPS aber auch innerhalb von Gebäuden gut nutzbar. Moderne Tracker können auf unterschiedliche Systeme zugreifen, um jederzeit eine bestmögliche Ortung sicherzustellen.

Damit die Standortdaten an die Angehörigen oder Pflegekräfte übertragen werden können, benötigen die Sender eine SIM-Karte.

Wie sehen die Tracker aus?

GPS-Tracker, also die Sender, gibt es in unterschiedlichen Ausführungen. Sie können auf verschiedene Weise getragen werden, z.B. als Uhr, Schlüsselanhänger, Armband oder an einer Kette oder einem Band um den Hals. Auch Schuhe oder Einlegesohlen können mit GPS ausgestattet sein, z.B. SafeSole, Clever Sole oder SmartSole. Hat die betroffene Person ein Smartphone oder auch Seniorenhandy bei sich, kann auch dieses für die Ortung genutzt werden.

Wichtig ist, dass die pflegebedürftige Person den Sender auch wirklich bei sich trägt. Denn auch das beste Ortungssystem bietet keine Hilfe, wenn der Tracker zuhause liegen gelassen wird. Deshalb sollte ein System gewählt werden, das von der Person akzeptiert und möglichst immer getragen wird. 

Verschiedene Funktionen

Viele Tracker nutzen die sogenannte Geofence-Funktion, also einen „Geo-Zaun". Dabei wird ein Sicherheitsbereich festgelegt, z.B. das eigene Zuhause und der Garten, ein Stadtviertel oder die Anlage einer Pflegeeinrichtung. Wie groß dieser ist, kann jeweils an die kognitiven Fähigkeiten der pflegebedürftigen Person angepasst werden. Innerhalb des definierten Gebiets kann diese sich frei bewegen. Verlässt sie den Bereich, werden die Angehörigen oder Pflegekräfte per App alarmiert. Bei einigen Systemen beginnt die Ortung erst bei Überschreiten der festgelegten Grenze (z.B. Otiom). So wird die Person in ihrem sicheren Umfeld nicht unnötig überwacht.

Es gibt auch Tracker mit Notruf-Knopf. Über diesen können Betroffene aktiv einen Notruf absetzen, wenn sie die Orientierung verloren haben und nicht mehr weiterwissen (z.B. TiProNet, One Button Phone). Wer in diesem Fall kontaktiert wird, kann individuell festgelegt werden. Meist sind mehrere Notfallkontakte hinterlegt. Im Idealfall wird eine Notfallkette in Gang gesetzt. Nimmt der erste Kontakt den Notruf nicht an, wird automatisch der nächste informiert. Über integrierte Mikrofone und Lautsprecher kann direkt mit der Person Kontakt aufgenommen werden. Die SOS-Taste kann jedoch auch zu Problemen führen. Ist die Demenz so weit fortgeschritten, dass die betroffene Person die Funktion der Taste vergisst, kann es zu Fehlalarmen kommen. Deshalb sollte sich die Notruf-Funktion möglichst deaktivieren lassen.

Über den SOS-Knopf kann ein Notruf gestartet werden. (Foto: Jane Vanhnadak, Zentrum für Telemedizin e.V.)

Eine weitere mögliche Zusatzfunktion ist die Sturzerkennung. Registrieren die Sensoren (z.B. im Armband oder der Uhr) einen Sturz, wird automatisch ein Notruf ausgelöst – entweder an eine Notrufzentrale oder an hinterlegte Kontakte. Um Fehlalarme zu vermeiden, geben die Geräte einen Hinweis auf einen erkannten Sturz, z.B. durch Vibration. Benötigt die betroffene Person keine Hilfe, kann sie den Alarm per Knopfdruck abbrechen. Auch hier gilt wieder zu beachten: Diese Funktion muss von der Person verstanden werden.

Innovative Lösungen aus der Pflegepraxis
Ein Anwendungsbeispiel für den Einsatz von Ortungstechnologien und die erforderlichen Prozesse finden Sie auch in unseren Lösungen.

Für wen ist was geeignet?

Der Einsatz von Ortungssystemen ist vor allem bei pflegebedürftigen Menschen sinnvoll, die körperlich noch mobil, aber in ihrer Orientierungsfähigkeit eingeschränkt sind, z.B. aufgrund von Demenz.

Bei der Auswahl des Ortungssystems sollte die betroffene Person im besten Fall aktiv beteiligt werden. Das erhöht die Akzeptanz der Technik gegenüber und somit auch die Wahrscheinlichkeit, dass der Tracker am Ende auch wirklich von ihr getragen wird. Beliebt sind beispielsweise GPS-Uhren, Smartwatches oder dezente Armbänder. Zum einen, weil die Tracker ähnlich wie normale Accessoires aussehen und weniger auffallen, zum anderen, weil viele Personen bereits gewohnt sind eine Uhr zu tragen. Allerdings besteht hierbei die „Gefahr", dass vergessen wird, sie anzulegen.

Für Personen, die dazu neigen ihre Tracker zuhause liegen zu lassen, können Einlegesohlen eine hilfreiche Alternative sein, da Schuhe beim Verlassen des Hauses meist getragen werden. Ist die Person auf einen Rollator angewiesen, kann der Tracker auch dort befestigt werden. Es gibt auch Sender, die in die Kleidung, beispielsweise die Jacke, eingenäht werden können. Voraussetzung dafür ist, dass sie wasserdicht sind, damit sie mitgewaschen werden können, und das Aufladen auch durch den Stoff hindurch möglich ist. 

Wer wird benachrichtigt?

Grundsätzlich können die Tracker im privaten Umfeld ebenso genutzt werden wie in der stationären Pflege oder in alternativen Wohnformen. Einige Systeme sind speziell für die jeweiligen Einsatzbereiche entwickelt – oder je nach Anwendungsgebiet in unterschiedlichen Ausführungen oder mit spezieller Ausstattung erhältlich (z.B. mit Basisstationen für die Ortung innerhalb von Gebäuden für Pflegeeinrichtungen). Per App werden dementsprechend ausgewählte Angehörige oder das Pflegepersonal benachrichtigt bzw. über den Standort der zu pflegenden Person informiert.

Wie ein Ortungssystem in einer Pflegeeinrichtung genutzt werden kann, zeigt der folgende Beitrag des Bayerischen Rundfunks:

Über die zugehörige App erfolgen in der Regel auch die Hinweise zum Ladezustand des Senders. Auf diese Weise liegt die Verantwortung, das Gerät zu laden, nicht bei der pflegebedürftigen Person selbst, sondern bei den Pflegenden.

Je nach Gerät und den möglichen Zusatzfunktionen kann die Akkulaufzeit der Tracker deutlich variieren – von täglichem Laden bis hin zu einmal im Monat. Deshalb sollte bei der Auswahl berücksichtigt werden, wie häufig der Sender geladen werden muss: Kann beispielsweise eine tägliche Aufladung durch die Angehörigen oder das Pflegepersonal gewährleistet werden? Oder sollte man zugunsten einer längeren Akkulaufzeit vielleicht lieber auf nicht benötigte Zusatzfunktionen verzichten? 

Welche Funktionen werden benötigt?

Dass smarte Armbänder und GPS-Uhren vielseitige Funktionen bieten, kann durchaus hilfreich sein – muss es aber nicht. Je mehr Funktionen ein Gerät hat, desto komplizierter wird häufig auch die Bedienung und desto mehr Akkuleistung wird verbraucht. Darum sollte stets abgewogen werden, welche Funktionen tatsächlich benötigt werden.

Insbesondere bei Geräten, die mehrere Funktionen erfüllen, muss darauf geachtet werden, dass die betroffene Person das Gerät auch bedienen kann und dessen Funktionen versteht. Deshalb ist je nach Technikaffinität der Person eine möglichst einfache Bedienung sinnvoll. Dabei sollte auch bedacht werden, dass sich die Fähigkeiten im Verlauf der Demenz-Erkrankung noch verschlechtern können. 

Technologiedatenbank
Weiterführende Informationen zu Pflegetechnologien für die Ortung finden Sie in unserer Technologiedatenbank

Häufig gestellte Fragen

Das sagt die Wissenschaft

  • Im Projekt „mobQdem – Mobilität im Quartier trotz Demenz" wurde der Einsatz von GPS-Tracking und Geofencing für Menschen mit Demenz in unterschiedlichen Settings erprobt. Eines der Ergebnisse war, dass die Ortungssysteme vor allem für pflegende Angehörige eine große Entlastung bieten können. Zum Abschlussbericht
  • Ein Artikel in der Zeitschrift Neurologie & Rehabilitation kam zum Schluss, dass GPS-Tracker Menschen mit Demenz mehr Freiheit und Autonomie bieten und bei Angehörigen das Sicherheitsgefühl erhöhen können. Zum Artikel
  • Welches Spannungsfeld beim Einsatz digitaler Technologien im Pflegealltag zwischen Selbstbestimmung, Privatsphäre und Fürsorge entsteht, wurde bei der Konferenz Zukunft der Pflege 2026 diskutiert. Zur ethischen Reflexion (S. 43) 
0

Ähnliche Beiträge