Dekubitusprävention in der Pflege – Technische Unterstützung gegen das Wundliegen
Dekubitus ist eine große Herausforderung in der Pflege – sowohl in der stationären als auch in der häuslichen Umgebung. Um Schmerzen, Komplikationen und langwierige Behandlungen zu vermeiden, spielt die Prävention eine wichtige Rolle. Für diese gewinnen, neben den klassischen Maßnahmen, zunehmend auch innovative Technologien an Bedeutung. Hier bekommen Sie einen Überblick, was Dekubitus ist und wie smarte Lösungen die Pflege nachhaltig bei der Vorbeugung unterstützen können.
Was ist Dekubitus und wie lässt er sich vorbeugen?
Bei einem Dekubitus handelt es sich um ein Druckgeschwür, bei dem die Haut oder das Gewebe schwer geschädigt ist. Durch anhaltenden Druck auf bestimmte Körperstellen wird die Durchblutung im Gewebe gestört. Dadurch entstehen, je nach Ausprägung, rote oder violette Verfärbungen auf der Haut bis hin zu großflächigen, offenen Wunden.
Häufig wird bei Dekubitus auch von Wundliegen gesprochen, da er hauptsächlich bei Menschen auftritt, die sehr lange unbeweglich liegen oder sitzen, z.B. bei bettlägerigen Patienten oder Personen im Rollstuhl.
Die Geschwüre sind schmerzhaft. Insbesondere offene Wunden sind zudem anfällig für Krankheitserreger und können zu Entzündungen führen. Die Behandlung ausgeprägter Wunden kann oft langwierig und komplex sein. Deshalb ist es wichtig, Dekubitus möglichst zu vermeiden, bevor er entsteht. Dafür gibt es verschiedene Maßnahmen.
Gemäß der Leitlinie zur Prävention und Behandlung von Dekubitus des EPUAP (European Pressure Ulcer Advisory Panel) und NPIAP (National Pressure Injury Advisory Panel) stehen regelmäßige Mobilisation und Positionswechsel im Mittelpunkt der Prävention. Ziel ist es, dadurch den Druck zu verteilen, die Durchblutung des Gewebes zu fördern sowie gefährdete Stellen abwechselnd zu be- und entlasten. Aber auch eine angemessene Hautpflege und ausgewogene Ernährung können vorbeugend helfen.
Zur Dekubitusprävention können verschiedene Hilfsmittel eingesetzt werden. Um Druck zu vermeiden oder zu reduzieren, werden beispielsweise speziell gepolsterte Matratzen, Sitzkissen oder Auflagen genutzt. Wundauflagen oder Fersenschoner tragen dazu bei, Reibung zu verringern.
Wie kann Technik unterstützen?
Neben diesen traditionellen Hilfsmitteln gibt es auch technische und digitale Lösungen. Dazu zählen unter anderem präventive Alarmsysteme, die erkennen, wenn eine Umpositionierung nötig ist, und die Pflegepersonen benachrichtigen.
Das manuelle Wechseln der Position stellt oft für beide Seiten eine Belastung dar. Unterstützung bieten an dieser Stelle Technologien, welche die Druckverteilung auf der Auflagefläche automatisch regulieren. Andere Systeme übernehmen sogar die Umlagerung der Pflegebedürftigen. Auf diese Weise müssen sie nicht so häufig durch die Pflegepersonen umpositioniert werden, wodurch diese körperlich entlastet werden.
Welche Arten von Technik gibt es?
Matratzen und Bettsysteme
Im Bereich der Anti-Dekubitus-Matratzen gibt es verschiedene Varianten. Neben Weichlagerungsmatratzen mit besonders weichen Materialien gibt es auch sogenannte Wechseldruckmatratzen. Diese Matratzen sind in mehrere Luftkammern unterteilt, über die der Druck durch eine elektrische Pumpe in regelmäßigen Abständen, mehrmals pro Stunde, zwischen den Kammern hin und her wechselt. So werden die kritischen Körperstellen immer wieder entlastet. Gesteuert wird die Luftzirkulation über ein analoges oder digitales Bedienelement, das meist am Bettrahmen befestigt werden kann.
Einen Schritt weiter gehen Bettsysteme wie das Active Mobilisation System (AMS), das sensorüberwachte 30° Seitenlagerungssystem ekamove oder Careturner. Diese können selbstständig Lagewechsel durchführen, indem sie die Matratze bis zu einem Winkel von rund 30 bis 40 Grad neigen. Durch die seitliche Neigung werden die Pflegebedürftigen automatisiert nach links und rechts positioniert, wodurch sich auch der Druck verlagert. Das bedeutet nicht nur weniger körperliche Belastung für die Pflegepersonen, sondern auch weniger Störung für die Patienten, da diese z.B. im Schlaf nicht geweckt werden müssen. Wie stark und wie häufig die Mobilisation stattfindet, kann individuell eingestellt werden.
Wie diese Systeme funktionieren, zeigt das folgende Video:
Einige Matratzen und Bettsysteme wurden bereits im Hilfsmittelverzeichnis der GKV aufgenommen. Die Kosten für die gelisteten Hilfsmittel gegen Dekubitus (Produktgruppe 11) werden von den Kranken- und Pflegekassen übernommen.
Achtung: Anti-Dekubitus-Matratzen ersetzen den manuellen Positionswechsel nicht komplett! Sie können jedoch die Abstände zwischen den nötigen manuellen Maßnahmen verlängern.
Sensoren und KI
Ein weiteres innovatives Hilfsmittel sind Sensoren. Diese erfassen beispielsweise Bewegungen und Position der Pflegebedürftigen und informieren die Pflegepersonen per App, wann der nächste Positionswechsel nötig ist (z.B. Leaf oder SafeSense® 3).
Diese „Alarmsysteme" dienen jedoch nicht nur zur Erinnerung. Je nach System erkennen sie auch, wie viel sich die Person im Bett eigenständig bewegt, oder dokumentieren in welchen Positionen sie zuletzt gelegen hat. Auf Basis dieser Informationen können die Intervalle der Umlagerungen und die neuen Positionen an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden. Die Sensoren befinden sich in der Matratze oder Betteinlage, oder werden direkt am Körper der Pflegebedürftigen angebracht.
Wie häufig eine Person umpositioniert werden sollte, um Dekubitus vorzubeugen, ist sehr individuell. Deshalb sind die kontinuierliche Kontrolle und Beobachtung gefährdeter Stellen besonders wichtig. Hier setzen spezielle Sensorpflaster wie SoreAlert an. Die „smarten" Pflaster werden nahe der Risikostellen auf der Haut angebracht. Ihre Sensoren überwachen und analysieren das Gewebe kontinuierlich. Unterstützt durch Künstliche Intelligenz erkennen sie die Entstehung von Wunden frühzeitig, noch bevor sie für das bloße Auge sichtbar werden. Sind präventive Maßnahmen nötig, wird über eine App ein Alarm an die Pflegenden gesendet. Diese Technologie befindet sich noch in der Erprobungsphase und ist noch nicht auf dem Markt erhältlich.
Sensorbasierte Alarmsysteme können häufig noch andere Werte erfassen. Somit besteht die Möglichkeit mit einem System gleich in mehreren Bereichen Unterstützung zu erhalten, z.B. für die Dekubitusprävention, zur Sturzerkennung oder als Inkontinenzmelder.
Innovative Lösungen aus der Pflegepraxis
Spannende Anwendungsbeispiele von innovativen Technologien zur Dekubitusprävention und anderen Fällen finden Sie in unseren Lösungen.
Für wen ist was geeignet?
Die vorgestellten Technologien sind vor allem für bettlägerige, immobile Pflegebedürftige gedacht, bei denen ein hohes Risiko für Druckgeschwüre besteht. Viele Systeme können sowohl in der professionellen Pflege als auch zuhause für die Pflege von Angehörigen eingesetzt werden.
Welche Hilfsmittel im Einzelfall geeignet sind, ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Ihr Einsatz muss individuell auf die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen und ihre Situation abgestimmt sein.
Bei Personen mit neurologischen Erkrankungen oder Wahrnehmungsstörungen können beispielsweise Wechseldrucksysteme zu Schwindel oder einer Störung des Körpergefühls führen. Auch bei größeren Verletzungen wie Frakturen können solche Technologien ungeeignet sein, da sie den Heilungsprozess beeinträchtigen oder Schmerzen verursachen können. Deshalb sollte vor dem Einsatz von Hilfsmitteln unbedingt Rücksprache mit ärztlichen oder pflegerischen Fachpersonen gehalten werden.
Fragen, die vorab geklärt werden sollten:
- Liegen bei der pflegebedürftigen Person Erkrankungen vor, die bei der Auswahl der Technologie berücksichtigt werden müssen?
- Sind die Matratzen oder Sensoren kompatibel mit anderen möglicherweise benötigten Hilfsmitteln (z.B. Inkontinenzauflagen)?
- Sind die Technologien im Hilfsmittelverzeichnis aufgeführt, sodass die Kosten von Kranken- oder Pflegekassen übernommen werden können?
Technologiedatenbank
Weiterführende Informationen zu Pflegetechnologien finden Sie in unserer Technologiedatenbank.
Das sagt die Wissenschaft
- Im Pflegepraxiszentrum (PPZ) Berlin wurde ein Matratzensystem getestet, dass über Sensoren die Bewegungen aber auch die Feuchtigkeit erfasst. Das Pflegepersonal bewertete die Technologie als besonders geeignet für die Nacht und für bettlägerige Personen. Zur Studie (S. 17-20)
- Eine Machbarkeitsstudie in den Niederlanden untersuchte die Integration eines KI-basierten Alarmsystems zur Dekubitusvorhersage. Entscheidend für eine erfolgreiche Einbindung in den Versorgungsalltag sei der kontinuierliche Kontakt zu den Pflegekräften, die Bereitstellung von Informationen und Schulungen. Zur Studie
- Eine weitere Studie kam zum Ergebnis, dass mobile Gesundheitsanwendungen (mHealth Applikationen) ein vielversprechendes Potenzial zeigen, um die Beurteilung, Überwachung und Prävention von Dekubitus zu verbessern. Sie können Unterstützung für Kliniken und Pflege bieten. Zur Studie