Biografiearbeit in der Pflege – Erinnerungen erleben und bewahren mit digitalen Helfern
Biografiearbeit ist ein zentraler Bestandteil einer würdevollen Pflege, bei der die Menschen im Mittelpunkt stehen. Sie hilft dabei, die Pflegebedürftigen zu verstehen und besser auf ihre individuellen Bedürfnisse einzugehen, kann jedoch auch herausfordernd sein. Innovative Technologien wie Tablets, Virtual Reality und Künstliche Intelligenz bieten neue, kreative Möglichkeiten, um Erinnerungen lebendig zu halten und diese gezielt in den Pflegealltag zu integrieren. Hier bekommen Sie einen Überblick, wie digitale Lösungen die Biografiearbeit bereichern und für pflegende Angehörige sowie für Fachkräfte erleichtern können.
Was ist Biografiearbeit?
Bei der Biografiearbeit in der Pflege geht es darum, mehr über eine pflegebedürftige Person zu erfahren und sich mit ihrer Lebensgeschichte auseinanderzusetzen. Sie lenkt den Fokus weg von der Erkrankung, hin zum Menschen, der betreut wird.
Ziel ist es, nicht einfach nur Daten für den Lebenslauf zu sammeln, sondern mehr über das Leben, die Interessen und Vorlieben der Person zu erfahren sowie Rituale und Gewohnheiten zu kennen. Denn wenn Pflegepersonen die Vergangenheit der Pflegebedürftigen kennen, fällt es ihnen leichter, deren Verhalten in der Gegenwart zu verstehen und besser auf persönliche Bedürfnisse einzugehen. Auf diese Weise kann Biografiearbeit dazu beitragen, die Pflege individuell und wertschätzend zu gestalten.
Insbesondere für Menschen mit Demenz oder anderen kognitiven Erkrankungen, kann die Biografiearbeit positiv wirken. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann die eigene Identität stärken, die Gedächtnisleistung anregen, das Wohlbefinden steigern und somit die Lebensqualität verbessern. Zudem vertieft sie die persönliche Bindung zu den Pflegenden und hilft Vertrauen zu ihnen aufzubauen. Deshalb ist sie auch im Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz" enthalten.
Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann jedoch auch negative Erinnerungen wecken, z.B. an Krieg oder den Verlust von geliebten Menschen. Solche Erinnerungen können Stress hervorrufen. Biografiearbeit ist nicht als Therapie zu verstehen. Um möglichst keine schmerzlichen Erinnerungen zu wecken, sollte der Fokus vor allem auf schöne Momente gelegt werden.
Wie kann Technik unterstützen?
Die klassische Biografiearbeit erfolgt oft in Form von Gesprächen – mit den Pflegebedürftigen selbst, aber auch mit den Angehörigen. Zusätzlich können Fotoalben oder andere persönliche Gegenstände genutzt werden, um Erinnerungen zu wecken und die Menschen zum Erzählen anzuregen.
Inzwischen gibt es aber auch viele digitale Anwendungen und Technologien, welche die Biografiearbeit unterstützen können. Technische Hilfsmittel wie Tablets, aber auch VR-Brillen oder spezielle Projektoren können genutzt werden, um die Erinnerungen anzuregen und vergangene Momente noch einmal zu erleben.
Darüber hinaus besteht auch die Möglichkeit, die eigene Geschichte durch KI-gestützte Anwendungen festzuhalten, eine eigene Biografie zu erstellen und so besondere Momente mit anderen zu teilen.
Welche Arten von Technik gibt es?
Erinnern und Erleben mit Tablets, Projektoren und Virtual Reality
Ein beliebtes Hilfsmittel der Biografiearbeit sind Fotos. Anhand von Bildern aus früheren Zeiten können sich vor allem Pflegebedürftige in höherem Alter leichter an ihre Kindheit und Jugend zurückerinnern. Dazu können digitale Technologien genutzt werden.
Eine besonders einfache Möglichkeit dafür stellen Tablets dar. Wie in einem Fotoalbum können darauf Bilder angesehen werden. Darüber hinaus bieten sie aber noch weitere Möglichkeiten. Sie können beispielsweise die Lieblingsmusik aus der Jugend abspielen oder Filme zeigen, die damals gerne gesehen wurden.
Um die Bedienung möglichst unkompliziert zu halten, gibt es spezielle Senioren-Tablets. Diese sind auf die Nutzung durch ältere, weniger technik-affine Menschen ausgerichtet. Sie verwenden z.B. große Symbole und Schriften und beschränken sich auf wenige Funktionen, sodass Pflegebedürftige auch eigenständig damit zurechtkommen.
In einigen Pflegeeinrichtungen kommen bereits digitale Aktivitätstische zum Einsatz (z.B. CareTable, Aktivtisch oder Myndboard). Diese funktionieren ähnlich wie Tablets. Sie haben große Touchscreens und können von mehreren Personen gleichzeitig genutzt werden. So regen sie zum Austausch von Erinnerungen in der Gruppe an. Meist sind sie höhenverstellbar und können geneigt sowie gerollt werden. Auf diese Weise können sie auch von Menschen im Rollstuhl oder mit eingeschränkter Mobilität genutzt werden. Die multifunktionellen „Tische" sind vielseitig einsetzbar und bieten meist noch weitere Anwendungen für Spiele oder Quizze.
Ein Beispiel für den Einsatz eines Aktivitätstisches in einem Seniorenheim können Sie sich in diesem Beitrag von niederbayernTV ansehen:
High Tech im Altenheim – in Viechtach gibt es für Senioren einen Care Table (Viechtach) | Niederbayern TV Deggendorf
Mit Projektoren wie dem Quiek.up können Bilder lebensgroß an die Wand oder die Decke projiziert werden. Das ermöglicht es auch immobilen Patienten, die im Bett liegen, die Fotos anzusehen. Neben den verfügbaren Standardbildern besteht hier auch die Möglichkeit, aus eigenen Fotos ein persönliches Erlebnismodul für den Patienten zu gestalten. Wie das System für Menschen mit Demenz in einer Pflegeeinrichtung eingesetzt werden kann, zeigt ein Beitrag von augsburg.tv:
Moderne Technik in der Demenztherapie | a.tv
Noch intensiver werden die Erlebnisse durch den Einsatz von Virtual Reality. Mithilfe von VR-Brillen können Pflegebedürftige an Orte „reisen", an denen sie früher schon einmal waren oder die sie schon immer einmal besuchen wollten. Vor allem wenn die Personen körperlich nicht mehr in der Lage sind, tatsächlich zu verreisen, können die virtuellen Ausflüge aktivierend wirken und für Abwechslung sorgen. Gleichzeitig werden durch die 360-Grad-Videos die kognitiven Fähigkeiten gestärkt und die Erinnerung angeregt. VR-Inhalte speziell für Senioren gibt es z.B. von vrblick, RemmyVR oder VitaBlick. Erste Erfahrungen aus den Projekten zeigen: Es müssen keine exotischen Reiseziele sein. Besonders beliebt sind Orte, die die Senioren selbst kennen.
Das folgende Video stellt ein VR-Projekt für Menschen mit Demenz in einem Pflegeheim vor:
Tablets und VR-Systeme können auch für weitere Aspekte der aktivierenden Pflege genutzt werden, z.B. für Spiele oder Sport.
Biografie erstellen mit KI
Eine weitere Form der Biografiearbeit ist die eigene Geschichte nicht nur zu erzählen, sondern auch festzuhalten. So können die Lebensgeschichten auch mit anderen Menschen, wie Angehörigen oder pflegenden Personen geteilt werden. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) können Biografien verfasst werden, ohne selbst Texte schreiben zu müssen.
Ein Beispiel für solche Anwendungen ist Lebenswerk.ai. In der App werden gezielte, biografische Fragen gestellt, die per Spracheingabe beantwortet werden können. Anhand der Antworten strukturiert die KI die Erinnerungen und erstellt daraus eine Biografie mit zusammenhängenden Kapiteln. Bilder können ebenfalls hinzugefügt werden. Am Ende entsteht ein komplettes Buch, das gedruckt oder in digitaler Form als eBook oder Hörbuch verfügbar ist.
Ähnlich funktioniert auch die Anwendung Teresa.AI. Die KI wandelt die eingesprochenen Erinnerungen und hochgeladene Bilder in interaktive eBooks oder auch gedruckte Biografien um. Bei dieser Software können die Geschichten auch als Familienprojekte gemeinsam mit den Angehörigen erstellt werden. Teresa.AI befindet sich aktuell noch in der Beta-Testphase.
Innovative Lösungen aus der Pflegepraxis
Spannende Anwendungsbeispiele von innovativen Technologien finden Sie auch in unseren Lösungen.
Für wen ist was geeignet?
Biografiearbeit spielt in allen Pflegesettings eine Rolle – egal ob stationär, ambulant oder im privaten Umfeld. Vor allem bei Menschen mit Demenz und älteren Pflegebedürftigen kann die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu einer Steigerung des Wohlbefindens und einer würdevolleren Pflege führen. Welche Technologien dabei genutzt werden können, ist von verschiedenen Faktoren abhängig.
Zum einen muss die eingesetzte Technik zu den kognitiven und körperlichen Fähigkeiten der zu pflegenden Person passen und darf sie nicht überfordern. Zum anderen erfordert Biografiearbeit neben Einfühlungsvermögen vor allem eines: Zeit.
Gerade in der professionellen Pflege sind deshalb Technologien sinnvoll, die von den Pflegebedürftigen selbst bedient (Senioren-Tablets) oder in der Gruppe genutzt werden können wie digitale Aktivitätstische. Auch VR-Systeme sind aufgrund der Kosten und einer möglichen gemeinschaftlichen Nutzung in Gruppen besonders im Bereich der stationären Pflege geeignet.
Bei der Erstellung einer eigenen Biografie mit KI hingegen benötigen Pflegebedürftige möglicherweise eine zeitintensivere, individuelle Unterstützung. Diese kann von engagierten Angehörigen oder einer Alltagsbegleitung zeitlich womöglich leichter gewährleistet werden als im Alltag einer Pflegeeinrichtung.
Technologiedatenbank
Weiterführende Informationen zu Pflegetechnologien finden Sie in unserer Technologiedatenbank.
Das sagt die Wissenschaft
- Im Projekt "Pflege 2030" wurde im Haus Curanum in Karlsfeld der Einsatz verschiedener Technologien (u.a. der CareTable und die VR-Brille VitaBlick) im Echtbetrieb einer stationären Pflegeeinrichtung getestet und auch wissenschaftlich evaluiert. Festgehalten wurden die Ergebnisse der Forschungsprojekts im Pflege 2030 Praxishandbuch
- Eine Studie zum Einsatz von Virtueller Realität in der Erinnerungstherapie bei älteren Menschen mit Demenz hat festgestellt, dass VR-Panoramen das subjektive Wohlbefinden der Patienten effektiv verbessern. Zur Studie
- Das Projekt VRalive der TU Braunschweig zeigt, dass VR-Intervention das Potenzial hat, als alltägliche Gruppenaktivität in Seniorenheimen genutzt zu werden, um Aktivität, psychische Gesundheit und Wohlbefinden der Bewohner zu verbessern. Mehr zum Projekt (S. 175)
- Der PPZ Freiburg hat getestet, ob technische Lösungen wie Aktivitätstische Pflegekräfte entlasten könnten und zusätzliche Möglichkeiten für die Betreuung von kognitiv beeinträchtigten Patienten bieten. Mehr zum Gebrauchstauglichkeitstest (S. 135)
- Wie der Einsatz einer App zur Dokumentation biografischer Informationen im ambulanten und stationären Pflegesetting funktionieren kann, wurde im Forschungsprojekt PERLEN von der Johanniter-Unfall-Hilfe und der TU Berlin untersucht. Hier finden Sie mehr Infos zum Projekt und den Ergebnissen.