
Unterstützung körperlicher Bewegungen von Pflegekräften bei Transferleistungen durch den Einsatz eines passiven Exoskeletts im Pflegealltag
Kurze Zusammenfassung
Der Fall beschreibt den Einsatz des passiven Exoskeletts CareExo Lift- HUNIC im Pflegepraxiszentrum Nürnberg/ NürnbergStift.
Jan ist 42 Jahre alt und als Pflegefachperson tätig. In seinem Arbeitsalltag ist er regelmäßig hohen körperlichen Belastungen ausgesetzt. Diese Belastungen führen häufig zu Muskel-Skelett-Erkrankungen, vor allem im Bereich des Rückens, der Schultern und Knie.
Das passive Exoskelett CareExo Lift- HUNIC ist ein tragbares Assistenzsystem, das am Körper getragen wird und mechanisch auf diesen einwirkt, Bewegungen oder Körperhaltungen unterstützt und Belastungen reduziert.
Elastische und dynamische Materialeigenschaften und Stabilisatoren ermöglichen Jan ein rückengerechtes Arbeiten im Pflegealltag, indem sie Körperhaltungen bzw. die Bewegung unterstützen.
Zusätzlich bietet es für Jans Patientinnen und Patienten, Bewohnerinnen und Bewohner sowie Klienten die Möglichkeit, sich an „Haltegriffe“ auf Schulterhöhe der Pflegeperson bei Transferleistungen anzuhalten und bei Gehübungen die Haltegriffe auf Hüfthöhe zu nutzen.
Ziel ist es, Jans körperlicher Belastungen nachhaltig zu reduzieren, seine Gesundheit zu fördern und seine langfristige Arbeitsfähigkeit zu sichern.
Problembereich
Der Fall ist den Problembereichen Arbeitssicherheit und Arbeitsentlastung zuzuordnen.
Hohe körperliche Belastungen sind für Jan ein täglicher Begleiter im Pflegealltag. Hierzu zählen wiederholtes Heben, Umlagerungen, Mobilisierung sowie der Transfer von Bewohnerinnen und Bewohnern. Jan arbeitet dabei häufig in ungünstigen Körperhaltungen. Diese Belastungen führen zu Muskel-Skelett-Erkrankungen, vor allem im Bereich des Rückens, der Schultern und Knie. Die Folge sind krankheitsbedingte Ausfälle, eingeschränkte Leistungsfähigkeit und langfristig eine erhöhte Fluktuation im Pflegepersonal. Präventive Maßnahmen stoßen im Alltag oft an Grenzen, da ergonomisch korrektes Arbeiten unter Zeitdruck nicht immer umsetzbar ist und technische Hilfsmittel nicht für jede Situation verfügbar oder praktikabel sind.
Ort der Umsetzung
Ausgangssituation
Jan ist im Arbeitsalltag regelmäßig hohen körperlichen Belastungen ausgesetzt. Diese entstehen insbesondere durch wiederholtes Heben, Umlagern und Mobilisieren von Bewohnern sowie durch Arbeiten in ergonomisch ungünstigen Positionen.
Die Folge regemäßiger Fehl- und Überbelastungen sind Muskel-Skelett-Erkrankungen, insbesondere im Bereich des Rückens, der Schultern und der Knie.
Ergonomisches Arbeiten ist für Jan unter Zeitdruck nicht immer umsetzbar, und vorhandene Hilfsmittel sind nicht in allen Situationen praktikabel.
Ziel
Ziel ist es, Jans körperliche Belastungen im Pflegealltag nachhaltig zu reduzieren sowie seine Gesundheit und körperliche Leistungsfähigkeit zu fördern.
Durch den Einsatz des passiven Exoskeletts CareExo Lift- HUNIC soll eine nachhaltige Reduktion seiner körperlichen Belastungen erreicht werden, gemessen an seinen Bewertungen zu Tragekomfort, Entlastungsgrad, Integration in Arbeitsabläufe, Nutzen im Alltag, An-/ Ablegedauer, Arbeitssicherheit und durchschnittlicher täglicher Tragedauer.
Langfristig soll Jans Arbeitsfähigkeit erhalten und die Attraktivität des Pflegeberufs gesteigert werden.
Von der Maßnahme profitieren vor allem die Pflegekräfte.
Bedarf
Das zum Einsatz kommende Modell CareExo Lift- HUNIC unterstützt gezielt Jans muskulären Körperfunktionen, insbesondere beim Heben, Stabilisieren und bei dynamischen Transferbewegungen.
Dabei soll es Kräfte umverteilen und körperliche Belastung reduzieren, ohne die Bewegungsfreiheit einzuschränken. Darüber hinaus darf kein Verletzungsrisiko für Jan und die Bewohnerinnen und Bewohner bestehen.
Flankierende Bedürfnisse
Organisatorisch ist ein hoher Tragekomfort entscheidend.
Das Exoskelett wird meist nur punktuell von unterschiedlichen Personen für Transferleistungen eingesetzt. Das bedeutet, dass Jan sich das Modell mit seinen Kolleginnen und Kollegen teilt. Dadurch muss das Exoskelett immer auf den jeweiligen Mitarbeiter eingestellt werden. Die Größeneinstellung ist im Vergleich zu anderen passiven Exoskeletten etwas „aufwendiger“, jedoch können dennoch Einstellungszeiten von weniger als 3 Minuten verzeichnet werden.
Aufgrund der Haltegriffe für Transferleistungen wird der CareExo Lift- HUNIC nur auf der Dienstkleidung getragen.
Das Modell verbleibt in der Pflegeeinrichtung, damit Jans Kolleginnen und Kollegen das Exoskelett ebenfalls für die Pflege- und Transferarbeit nutzen können.
Technisch sind Schulungen zur sicheren Anwendung sowie Hinweise zur Pflege und Reinigung notwendig. Hierfür liegt jedem Exoskelett eine Kurzanweisung bei. Zudem muss die individuelle Anpassung an den Körper gewährleistet sein, da das Modell von mehreren Mitarbeitenden getragen wird.
Der CareExo Lift- HUNIC kann selbstständig von Jan angezogen werden und bedarf keiner zusätzlichen Hilfe durch seine Kollegen.
Sozial zeigte sich eine relativ hohe Akzeptanz. Jan nutzt das System punktuell für Transferleitungen. Die Bewohnerinnen und Bewohner bewerten den Einsatz des Exoskeletts als positiv, da es über zusätzlichen Haltegriffen verfügt und damit die Transfers erleichtert, sowohl für Jan als auch für die Bewohnerinnen und Bewohner.
Eingesetzte Technologie
Zum Einsatz kommt das passive Exoskelett CareExo Lift- HUNIC.
CareExo Lift- HUNIC ist ein ca. 1 Kg schweres Gurtsystem, das über die Schultern, den oberen Rücken und Brustbereich sowie über das Gesäß bis zu den Knöcheln verläuft und sich durch dynamische Längenanpassungen automatisch jeder Bewegung anpasst. Es erzeugt gezielt Gegendruck im unteren Rückenbereich und unterstützt mit biomechanisch optimierter Kraftübertragung die natürliche Muskelarbeit. Das System bietet eine ergonomische Bewegungsfreiheit bei Drehbewegungen und eine kontrollierte Seitenstabilität verhindert asymmetrische Überlastung. Gleichzeitig bietet es für Patientinnen und Patienten, Bewohnerinnen und Bewohner sowie Klienten die Möglichkeit, sich an „Haltegriffe“ auf Schulterhöhe der Pflegeperson bei Transferleistungen anzuhalten und bei Gehübungen die Haltegriffe auf Hüfthöhe zu nutzen.
Herausforderungen im Betrieb
Im Rahmen der Einführung kam es zu keinen nennenswerten Problemen oder Konflikten mit bestehenden Abläufen.
Die Implementierung erfolgte nach einer 40-tägigen Erprobungsphase. Aufgrund der positiven Ergebnisse wurde die Maßnahme direkt in den Regelbetrieb überführt.
Technische Herausforderungen beschränkten sich auf die individuelle Einstellung des Systems durch Personalwechsel. Datenschutzbezogene Probleme traten nicht auf. Rechtliche Haftungsangelegenheiten wurden mit einem Vertrag zwischen Jan und der Einrichtung abgesichert. Darin heißt es, dass Jan für das Tragen und den darauf resultierenden Folgen selbst verantwortlich ist.
Ressourcen
- Personell sind Pflegekräfte sowie geschulte Multiplikatoren in die Umsetzung eingebunden.
- Technisch steht das passive Exoskelett CareExo Lift- HUNIC zur Verfügung. Das Modell hat eine Nutzungsdauer von etwa 2,5 bis 3 Jahren.
- Organisatorisch wird die Maßnahme durch interne Strukturen sowie durch Schulungen unterstützt.
- Jan verfügt über die notwendigen Kompetenzen zur Anwendung der Systeme, die durch Einweisungen vermittelt wurden.
- Die Finanzierung erfolgte über Fördermittel im Rahmen einer Projektförderung des PPZ-Nürnberg durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR).
- Manche Exoskelette sind auch als Hilfsmittel verfügbar und können über medizinische Versorger bezogen werden. Daher empfiehlt sich ein kurzer Blick in den Hilfsmittelkatalog.
Pflegefachlicher Bezug
Ergebnis
Die gesetzten Ziele wurden erreicht. Seit 2022 trägt und nutzt Jan den CareExo Lift- HUNIC punktuell im Einsatz (Stand Oktober 2025).
Es zeigen sich folgende Effekte:
Jan berichtet von einer spürbaren körperlichen Entlastung, einer verbesserten Körperhaltung und Bewegungsausführung sowie einem hohen Tragekomfort und mehr Arbeitssicherheit.
Mit geringem Mehraufwand kann Jan das System in seine Arbeitsabläufe im Pflegealltag integrieren.
Die Bewohnerinnen und Bewohner profitieren von einem indirekten Nutzen im Rahmen des Transfers und Gehübungen. Haltegriffe an Schulter und Becken ermöglichen einen unterstützenden und einfachen Transfer sowie für mehr Sicherheit bei Gehübungen.
Jan berichtet von einer deutlichen Verbesserung seiner Körperhaltung und körperlichen Belastungssituation. Gerade die Zeit nach der Erprobung, in der Jan kein Exoskelett mehr trug, zeigte deutlich, wie stark ihn das System im Pflegealltag unterstützt, welchen positiven Einfluss es auf seine Körperhaltung hat und wie sehr es die körperliche Belastung bei pflegerischen Tätigkeiten und Transferleitungen reduziert.
Die Pflegeprozesse wurden kaum verändert, da der Zeitaufwand für das Anlegen der Systeme gering ist. Gleichzeitig wird eine klare Arbeitsentlastung durch die Unterstützung bei körperlich anspruchsvollen Tätigkeiten erreicht.
Insgesamt zeigt sich die Maßnahme als gut übertragbar auf andere stationäre und ambulante Pflegesettings, wobei insbesondere die organisatorische Integration (gerade im ambulanten Bereich) und Eigenverantwortung der Nutzenden berücksichtigt werden müssen.